Tage zwischen Ebbe und Flut | Carin Müller

Tage zwischen Ebbe und Flut Alzheimer

“Das bin ich”, er deutete aufs Wasser. “Die Wellen sind mein Kopf. Alles ist da. Alles. Aber es bewegt sich. Ich kann es nicht festhalten. Aber es ist alles da. Ich weiß es.”

(Tage zwischen Ebbe und Flut, Carin Müller, Seite 36)

 
In “Tage zwischen Ebbe und Flut” erzählt Carin Müller die Geschichte der Familie Kaufmann, welche mit drei Generationen zu einer Kreuzfahrt antritt. Während die Reise für den an Alzheimer erkrankten Felix zu einem großen Abenteuer wird, wird sie für seine Frau, Tochter und Enkelin zu einer emotionalen Herausforderung.
 
Die Autorin Carin Müller schreibt in Bezug auf ihre Wortwahl sehr einfach, so dass ihre Sprache angenehm zu lesen ist. Sie kommt schnell zum Punkt und hält sich nicht mit unnötigen Umschreibungen auf. Gerade deswegen erhält man beim Lesen ein sehr klares Bild der Figuren und ihrer Gedanken und Gefühle. Da in der Geschichte die Gefühls- und Gedankenwelt mehrerer Figuren porträtiert wird, gefällt mir dies sehr gut.
 
Gefühle und Gedanken haben die Figuren wirklich viele. Da ist Judith, die sich mit ihrer Arbeit von ihren eigenen Problemen ablenkt, für ihren Vater nur das Beste will und dabei doch immer wieder mit ihrer Mutter Ellen in Streit gerät. Da ist Ellen, die es gewohnt ist alle Fäden in der Hand zu haben und krampfhaft versucht, sich ihre Überforderung nicht anmerken zu lassen. Da ist Fabi, die nicht nur mit den üblichen Teenager-Problemen zu kämpfen hat, sondern auch mit ihrer familiären Situation. Und dann ist da Felix, der sich durch seine Erkrankung an Alzheimer immer mehr selbst verliert.
 

“Ich habe Alzheimer. Weißt du was das ist? Der Kopf stirbt vor dem Rest.”

(Tage zwischen Ebbe und Flut, Carin Müller, Seite 161)

 
Carin Müller geht sehr respektvoll mit der Thematik Alzheimer um. An der Figur des Felix wird deutlich, dass Menschen auch mit Alzheimer noch Menschen mit Gefühlen, Wünschen, Erinnerungen und Empfindungen sind. Auch wird sichtbar, dass Alzheimer für die Angehörigen, und besonders für pflegende Angehörige wie Ellen, eine enorme Belastung ist. Auch auf eine Paarbeziehung hat die Erkrankung eines Partners an Demenz Auswirkungen, worauf die Autorin einfühlsam eingeht. Mir hat sehr gut gefallen, wie Carin Müller nicht nur die Personen, sondern auch ihre Beziehungen untereinander dargestellt hat. Die Familie Kaufmann ist wirklich ein gut durchdachtes Abbild einer Familie mit einem demenziell veränderten Familienmitglied.
 
Doch nicht nur die Figuren, sondern auch der Verlauf der Geschichte selbst ist gut durchdacht. Es gibt einige Situationen, welche die Herausforderungen im Umgang mit einem Menschen mit Demenz sehr gut verdeutlichen. Dabei wirkt der Verlauf der Geschichte dennoch sehr natürlich und nicht zu künstlich konstruiert.
 
 Ohne dabei kitschig zu werden geht Carin Müller immer wieder auf die besondere Magie des Meeres ein und macht Lust darauf, auf Kreuzfahrt zu gehen.
 
Während ich “Tage zwischen Ebbe und Flut” gelesen habe, habe ich gelacht und am Ende auch ein paar Tränen verdrückt. Dieses Buch beschäftigt sich mit allen Themen, welche auch mich sehr interessieren und wird mir in besonderer Erinnerung bleiben.
 
Tage zwischen Ebbe und Flut | Carin Müller | Knaur | 2016 | Taschenbuch | 288 Seiten | ISBN: 978-3426519738 | Preis: 9,99€

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