Als wir von Freiheit träumten | Jon Walter

Links liegt ein blauer Dekoteller, in der Mitte das Buch und rechts ein beiges Tuch. Unter dem Buch sind zwei Teelichter.

Links liegt ein blauer Dekoteller, in der Mitte das Buch und rechts ein beiges Tuch. Unter dem Buch sind zwei Teelichter.

London 1913: Im ganzen Land kämpfen die Suffragetten für das Wahlrecht für Frauen und Frauenrechte. Um ihre Rechte durchzusetzen, sind viele der Frauen bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die Schwestern Clara und Nancy arbeiten im Holloway Frauengefängnis. Clara strebt nach Unabhängigkeit, während Nancy noch nicht so genau weiß, was sie will. Als dann jedoch eine Ikone der Frauenrechtsbewegung, Daisy Divine, aus dem Gefängnis entlassen wird, schließt Nancy sich ihr an. 

Seit ich vor einigen Jahren einen Film über die Suffragetten gesehen habe, beschäftige ich mich immer wieder mal mit dem Thema. Als ich nun “Als wir von Freiheit träumten” von Jon Walter entdeckte, wusste ich sofort, dass ich das Buch unbedingt lesen möchte und habe es mir wenige Tage später gekauft. 

An Jon Walters Schreibstil musste ich mich erst etwas gewöhnen. Ich fand ihn kantig, rau und auch sehr distanziert. Nach einer Weile ließ er sich aber gut lesen und ich habe mich an dem, was ich als kantig empfunden habe, auch nicht mehr gestört. Das distanzierte bleibt hingegen bestehen und wirkt sich auch auf die Figuren aus. So richtig konnte ich weder zu Nancy, Clara oder Daisy noch zu einer der anderen Personen einen Bezug aufbauen. Sie blieben mir sehr fremd, was auch daran lag, dass man nur sehr wenig über ihre Persönlichkeiten erfährt. Es wird noch nicht einmal ihr Aussehen oder ihre Haarfarbe beschrieben. 

Auch über die Ziele und die Motivation der Suffragetten für ihren Kampf erfährt man nur sehr wenig. Ich hatte gehofft, dass sich dies etwas bessert, nachdem Nancy sich ihnen angeschlossen hat, doch das war nicht so. Bekannte, real existierende Namen wie Emmeline Pankhurst, bleiben unerklärt. Ein bisschen Vorwissen über die Bewegung der Suffragetten schadet also nicht, vor allem bei der Einordnung fiktiver und realer Geschehnisse. Einen wirklich guten Einblick bekommt man hingegen in das Leben der inhaftierten Frauen. Besonders die Beschreibung der Zwangsernährungen sind mir nahe gegangen. 

Sehr interessant fand ich die Entwicklung der beiden Schwestern Clara und Nancy. Sie verläuft sehr unterschiedlich und auch ganz anders, als ich zu Beginn des Romans gedacht hätte. Dabei wird noch einmal deutlich, dass die damalige Zeit für Frauen keine einfache Zeit war, vor allem nicht, wenn sie selbstbestimmt und frei leben wollten. 

Das Cover passt für mein Empfinden überhaupt nicht zum Roman. In Kombination mit dem Titel passt es damit gut in eine ganze Reihe von Büchern über Gutsherrinnen, Fabrikantentöchtern und Erbinnen, wie es momentan sehr viele auf dem Markt gibt. Dadurch wird jedoch ein völlig falscher Einblick von der Geschichte vermittelt. Sowohl Cover als auch Titel erwecken eher den Eindruck, dass es sich um eine eher seichte Familiengeschichte handelt – und genau das ist das Buch keineswegs. Deswegen gilt hier einmal mehr: Don`t judge a book by its cover. 

Insgesamt hat mir “Als wir von Freiheit träumten” trotz der angesprochenen Kritikpunkte gut gefallen. Besonders die Einblicke in das Leben hinter Gittern fand ich interessant und auch die Entwicklung der Schwestern war spannend mitzuerleben. Wer sich für Romane über Suffragetten, Frauenrechte oder Feminismus interessiert, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen. 

Als wir von Freiheit träumten | Jon Walter | Übersetzung: Angela Koonen | Lübbe | 2020 | Broschiert | 320 Seiten | ISBN: 978-3785726716 | Preis: 14€ 

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